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Er war eines Tages in meinem Telefon.
Er fragte, ob ich mit auf den Berg will. Ich will – ab und an, wenn ich Zeit habe.
Wenn ich keine Zeit habe, sage ich: diesmal nicht.
Heinz ist trotzdem immer wieder in meinem Telefon, er „bleibt dran“.
Ob er mich aquirieren will, so als Freundin oder Frau?
Die Sensation: Nein.
Er hat Familie, Frau, zwei prachtvolle Söhne, einer studiert der andere studiert bald.
Er ist einfach begeisterter Bergwanderer. Und deshalb fit. Fitter als seine Familie, die manchmal mitgeht, aber kämpfen muss, an ihrem Limit.
Heinz´ Bergweh wird deshalb auf mehrere Personen verteilt. Die Benzinkosten für die Bergfahrten ebenfalls..
Ich, Autonichtbesitzer, komme zum Berg und er, Bergsehnsüchtling hat Ansprache und Benzinkostenersparnis.
Nach Monaten rückte er damit heraus, dass er eigentlich Theologe ist. Nachdem ich eine ausufernde Interpretation der Bibelstelle von Kain und Abel im Film „The Ogre“ von Volker Schlöndorff vorgelegt hatte.
Geld verdient er mit Datenbank-Migration bei Midrange-Systemen. Komplizierte Sache. Heinz ist ziemlich intelligent. Mathematiker eigentlich.
Und ein bisschen sehr ..nun, sagen wir einmal Yin. Das Yang managed seine Frau.
Wir haben zwei Drittel des Berges unter uns gebracht. Wunderbare Weitsicht auf die umliegenden Voralpen und den Tegernsee. Jetzt verlassen wir den gespurten Pfad und müssen selbst unsere Fußstapfen treten.
Schnell wird das anstrengend. Der Schnee ist zuerst knietief. Heinz übernimmt die Spurarbeit, er hat Gamaschen dabei, ich dummerweise nicht. Der Schnee fiele mir bei jedem Schritt eiskalt in die Bergstiefel. Ich improvisiere, reisse den Saum des Schneefangs meiner Hose auf und verzurre ihn mit den Fangriemen der Steigeisen.
Ich muss also nur noch sorgfältig in die knie- bis oberschenkeltiefen Löcher treten, die Heinz gespurt hat. Manchmal gibt der Schnee nach, über Latschenkiefern, denn darunter befinden sich Luftlöcher. Ich sinke bis zur Hüfte ein, arbeite mich wieder heraus. Nächster Schritt.
Nach einiger Zeit fragt mich Heinz, wie es mir geht.
Ich weiss schlagartig, was er meint. Seine Frau wäre jetzt bereits wütend auf ihn, würde in beschuldigen, sie in eine unangenehme Situation gebracht zu haben. Er wäre schuld.
Ich also ganz bewußt: Prächtig, ich muss ja nichts weiter tun als nur in deine Spur treten. Du hast die ganze Arbeit. Wie gehts Dir? Du tust mir leid.
Ich weiss, dass er diesen Teil der Bergstrecke liebt. Ein Hauch Abenteuer, weg vom Geplanten, Glatten, Einfachen.
Ich reisse mich zusammen. Ja, es ist anstrengend, aber ich bin Schülerin und Expartnerin eines Hochtourengehers, da lernt man schnell Disziplin. Maul halten und weiter.
Die bange Frage nach meiner Befindlichkeit wiederholt sich dreimal, ich bin dreimal sorglos himmelblau fröhlich.
Endlich der Gipfel,
Wie üblich wünschen wir uns unter dem Gipfelkreuz Bergheil mit Handschlag.
Heute, nach Ypsilon Touren, zieht er mich - überraschend - an sich und gibt mir eine kurze kameradschaftliche Umarmung.
Ich lache gipfelvergnügt.
Ich weiss, warum er mich umarmt hat. Weil er glücklich ist, dass ihm seine Begleitung nicht die Freude am schwierigen Part durch Meckern und Schimpfen verdorben hat.
Irgendwie bin ich plötzlich auch ganz froh. Ein bisschen gerührt vielleicht.
Oben herrscht Windstärke sieben. Ich breite die Arme aus und lasse mich vom Wind halten, vorgebeugt, man fällt nicht um.
Wir laufen in der Gipfelhütte ein und genehmigen uns den obligaten Apfelstrudel und Südtiroler Geräuchertes.
Schmeckt prachtvoll, das Zeug.